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Umweltgifte in der Kinderumwelt

Neue Untersuchungen haben ergeben, dass Umweltgifte ein weitaus stärkerer Faktor in der Entstehung der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sind als bisher angenommen (Sauerbrey 2008). Eine Reihe sorgfältig geplanter Studien verweist vor dem Hintergrund nachgewiesener Belastungen von Kindern mit Umweltgiften auf neurotoxische Schädigungen des kindlichen Gehirns. Die Annahmen, Chemikalien spielten in der Ätiologie der ADHS nur eine eher nebensächliche Rolle (BUNDESÄRZTEKAMMER 2005, HUSS 2008) sind stark fahrlässig und missachten die reale Belastung des Kinderalltags mit einer Vielzahl verschiedener Schadstoffe, wie sie das Umweltbundesamt kürzlich nachwies (Becker et al. 2007; Müssig-Zufika 2008). Toxikologische Untersuchungen müssen dringend Teil der Diagnostik der ADHS werden. Zudem sind Eltern und Pädagogen gefordert die Rahmenbedingungen der kindlichen Entwicklung so zu planen, dass negative Effekte durch belastete Atemluft in Innenräumen und im Freien, durch Nahrung sowie durch Spielzeug ausgeschlossen werden können. Eltern mit Kinderwunsch sollten zudem schon frühzeitig über Gefahren prä- und postnatal schädigender Zahnfüllstoffe und Impfungen aufgeklärt werden, die Umweltgifte enthalten (vgl. Sauerbrey 2008).

Umweltgifte tragen zu Verhaltensauffälligkeiten bei

Die Ursachen von Verhaltensauffälligkeiten werden unter anderem in genetischen
Dispositionen, dem psychosozialen Umfeld oder auch anderen Umweltbedingungen gesucht. Eine weitere, weitgehend vernachlässigte (da in der öffentlichen Wahrnehmung meist verdrängte) Ursache könnten Umweltgifte sein. Einige Schadstoffe aus der menschlichen Umwelt sind als Risikofaktorten inzwischen durchaus gründlich untersucht.

Erste Befunde

Viele wissenschaftliche Studien verweisen auf die mögliche ätiologische Rolle neurotoxischer Schadstoffe in der Genese der ADHS. Seit den 1980er Jahren wurde verstärkt das Umweltgift Blei als Auslöser der neurobiologischen Dysfunktion von verhaltensauffälligen Kindern untersucht (Needleman et al, 1979). Die Studien blieben zunächst vereinzelt. Tabakrauch als pränatale (vorgeburtliche) Exposition sowie Blei erwiesen sich jedoch inzwischen als nachgewiesene Risikofaktoren, die mit einem erhöhten Auftreten von ADHS in Verbindung stehen (Huss 2008). Schwangere sollten daher Umweltgifte vorsorglich generell meiden.

Forschungsstand heute

Eine aktuelle Literaturschau weist jedoch zudem auf eine große Zahl an Untersuchungen hin, die in der Ursachenforschung der ADHS bisher unbeachtet blieben (Sauerbrey 2008). Dabei werden neben Tabakrauch und Blei auch Polychlorierte Biphenyle, Pestizide, Quecksilber und Mangan genannt, deren Vorkommen mit dem erhöhten Auftreten von ADHS oder zumindest ähnlicher Symptomkomplexe in Verbindung steht. Einige dieser Umweltgifte verursachen die Kernsymptome der ADHS und neurotoxische Schäden am Gehirn (z.B. am dopaminergen System).

Es bestehen Forderungen nach einer diesbezüglich umfassenderen Ursachenforschung (Heinzow 2002). Studien zu Umweltgiften und ADHS werden seltener zitiert als andere, sind jedoch gleichwohl anerkannt (Levy et al. 1998).

Das Bundesinstitut für Risikobewertung verweist zudem auf geringe Effekte bestimmter Farb- und Konservierungsstoffe, welche die Häufigkeit des Auftretens hyperkinetischen Verhaltens bei Kindern erhöhen (BfR 2007).

Literaturnachweise:

Becker, K. / Müssig-Zufika, M. / Conrad, A. / Lüdecke, A. / Schulz, C. / Seiwert, M. / Kolossa-Gehring, M. (2007): Kinder-Umwelt-Survey 2003/06 - KUS -. Human-Biomonitoring Stoffgehalte in Blut und Urin der Kinder in Deutschland, Dessau – Berlin.
<http://www.umweltdaten.de/publikationen/fpdf-l/3257.pdf> Download am 22.01.2008

BfR/Bundesinstitut für RisikobewertungHyperaktivität und Zusatzstoffe – gibt es einen Zusammenhang? Stellungnahme Nr. 040/2007 des BfR vom 13. September 2007.

Bundesärztekammer: Stellungnahme zur „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)“. Deutsches Ärzteblatt 102 (51-52) 2005, A3609-3916.

Heinzow, B.G.J.: Ursachenforschung nicht vergessen. Deutsches Ärzteblatt 99 (33) 2002: A 2176f.

Huss, M.: ADHS bei Kindern: Risikofaktoren, Schutzfaktoren, Versorgung, Lebensqualität. Eine kurze Übersicht, Bundesgesundheitsblatt-Gesundheitsforschung-Gesundheitsschutz 51 2008:602-605.

Levy, F., Barr, C., Sunohara, G.: Directions of aetiologic research on attention deficit hyperactivity disorder. Aust N.Z.J Psychiatry 1 1998:97–103.

Müssig-Zufika, M., Becker, K., Conrad, A., Schulz, C., Seiffert, M., Lusansky, C., Prick-Fuß, H., Kolossa-Gehring, M.: Kinder-Umwelt-Survey 2003/06 Hausstaub. Stoffgehalte im Hausstaub aus Haushalten mit Kindern in Deutschland, Dessau 2008.
<http://www.umweltdaten.de/publikationen/fpdf-l/3356.pdf> Download am 23.04.2008

Needleman, H.L., Gunnoe, C., Leviton, A. et al. (1979): Deficits in psychologic and classroom performance of children with elevated dentine lead levels. In: New England Journal of Medicine 300, S. 689-695.

Sauerbrey, U.: Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) durch Umweltgifte. Umwelt-Medizin-Gesellschaft 21(4) 2008, S. 314-319. (Download)

Ulf Sauerbrey, 30.06.2008

   
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