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Umweltgifte und das kindliche Gehirn - Neuigkeiten
 

Erstmalig berichtete die Wochenzeitung "Die Zeit" über Umweltgifte, die in das menschliche Gehirn gelangen können (Schuh 2009). Der Autor Hans Schuh beschreibt Studien, die unter anderem Kinder untersuchten:

"Wissenschaftler aus Mexiko und den USA haben 55 Kinder in der hoch belasteten Metropole Mexico City untersucht und mit sozial ähnlich gestellten Kindern verglichen, die in deutlich saubererer Luft lebten. Sie maßen mit Intelligenztests die geistigen Fähigkeiten und prüften die Hirne im Kernspintomografen. Kinder, die stark verschmutzte Luft atmeten, wiesen auffällig oft kognitive Störungen auf. Informationen verarbeiteten sie langsamer. Ihr Gedächtnis zeigte Lücken, und auch jene Funktionen waren beeinträchtigt, die für das Planen, das Lösen von Problemen und das Fällen von Entscheidungen wichtig sind. Parallel dazu fielen den Forschern in den Kernspinbildern Hirnveränderungen auf. Ein Großteil der Kinder, die in verschmutzter Luft aufwuchsen, wies Schäden in der weißen Hirnsubstanz und Gefäßveränderungen auf." (Schuh 2009).

Zudem erwähnt Hans Schuh die Blut-Hirn-Schranke als körpereigenen Schutzmechanismus des Menschen, der verhindern soll, dass Schadstoffe ins Gehirn gelangen und dieses schädigen. Viele Umweltgifte können diesen Mechanismus umgehen, einige schädigen ihn sogar. Durch Tierversuche, bei denen der Transport von Schadstoffen ins Gehirn über den Riechnerv geschah, wurde dies nachgewiesen.

Was Schuh nicht beschreibt, ist die Relevanz von weiteren Schadstoffen, denen wir alltäglich ausgesetzt sind. Zwar sind die Feinstäube, von denen sein Artikel handelt, ein besonders ernstzunehmendes Problem. Gleichwohl bestehen auch Untersuchungen zu weiteren Alltagsgiften:

Formeldehyd wird ebenso über den Riechnerv ins Gehirn transportiert (Apfelbach et al. 1992). Es ist ein starkes Nerven- und Immungift und kommt - trotz Rückgang seiner Anwendung - praktisch überall im Alltag vor, da es aus Presspanschränken ausgast und in Desinfektionsmitteln steckt. Durch einen Institutionenstreit ist es trotz nachgewiesener krebserregender Wirkung in den 1980er Jahren nicht verboten worden (Lahl, Zeschmar 1984).

Auch polychlorierte Biphenyle (PCBs) können über den Riechnerv ins Gehirn gelangen (Apfelbach et al. 1998; Dies. 2002). Es zeigte sich sogar, dass die Werte bei Versuchstieren im Blut unauffällig waren, während die Messwerte im Gehirn deutlich erhöht waren. Der Toxikologe Frenzel-Beyme konkretisiert die Bedeutung dieses Phänomens dahingehend, dass es durch PCB-Grenzwerte in der Atemluft demnach „keine Gewissheit mehr [gibt], dass [eine in bisherigen Studien angenommene] Resorptionskinetik noch zutreffen muss“ (Frentzel-Beyme 2003, S. 51). Grenzwerte im Blut sind also möglicherweise nicht aussagekräftig für die tatsächliche Organbelastung, die ein langfristig aufgenommenes und im Körper gespeichertes Umweltgift verursacht. Mit PCBs sind wahrscheinlich noch mehrere tausend Schulen, die aus Fertigbauteilen bestehen, in den alten Bundesländern belastet (Liebl et al. 2004; Klingelschmitt 2006).

Auch Quecksilber, dessen Hauptaufnahmequelle nicht - wie häufig populärwissenschaftlich angenommen - belasteter Fisch, sondern Zahnamalgam ist, fand sich bei Obuktionen in Gehirnen von Kindern (Drasch et al. 1994; Keim 2000). Die Menge des Qeucksilbers in den Kindergehirnen korrelierte exakt mit der Anzahl der Amalgamfüllungen der Mütter. Es ist daher nicht nur auf die Aufnahme von Umweltgiften über den Riechnerv zu verweisen, sondern auch auf die Belastung über die Nabelschnur während der Schwangerschaft. Pränatale Exposition gegenüber Umweltgiften ist ein häufig unterschätztes Thema.

Kinder haben Umweltgifte bereits im Körper

Es muss heute davon ausgegangen werden, dass jedes Kind bereits mit messbaren Konzentrationen an Umweltgiften in seinen Organen geboren wird. Das Schädigungspotential ist nur schwer zu analysieren, weil Kinder sich ja erst entwickeln, jedoch muss darauf hingewiesen werden, dass Kinder gegenüber Umweltgiften um ein Vielfaches anfälliger sind als Erwachsene (Cameron et al. 2006). Der häufig verharmlosende Verweis, dass Umweltgifte schon immer den Menschen belasteten, kann zwar durchaus für Radon und andere natürlich vorkommende Umweltgifte gelten. Jedoch sind insbesondere die PCBs anthropogen konstruierte Chemikalien. Sie kamen vor 1929 nicht in der Umwelt vor (vgl. Ockelmann 1994). Inzwischen sind sie zwar verboten und laut Messungen des Umweltbundesamts ist ihr Vorkommen im kindlichen Blut rückläufig (Becker et al. 2007). Gleichwohl kommen sie noch immer in bundesdeutschen Haushalten vor, da belastete Produkte weiterhin importiert werden (Müssig-Zufika 2008). Zudem sorgt ihre immens hohe Halbwertszeit und ihre Speicherfähigkeit im menschlichen Fettgewebe dafür, dass sie trotz Verbots noch Jahrhunderte nachweisbar bleiben werden. Die langfristigen Folgen von Umweltgiften sind kaum abschätzbar.
Christopher Williams versucht in "Endstation Gehirn" einen Ausblick zu geben und kommt zu dem Schluss, dass wir uns in einem Dilemma befinden, da das menschliche Gehirn einerseits Schuld an der Belastung des Alltags mit Umweltgiften ist und andererseits gerade die Einsichtsfähigkeit in diese Schuld durch Umweltgifte gestört wird (Williams 2003).

Weitere Befunde bleiben abzuwarten. Es ist jedoch generell begrüßenswert, dass sich Tages- und Wochenzeitungen dem Thema Umweltgifte inzwischen stärker annehmen und die Bevölkerung über die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien aufklären. Die "Welt" berichtete über die Folgen des Feinstaubs ebenso (anklicken) wie der private Nachrichtensender N-TV (anklicken).


Literaturnachweise:

Apfelbach, R., Engelhart, A., Behnisch, P., Hagenmaier, H.: Das olfaktorische System als Eingangstor für in der Luft enthaltene PCBs zum Gehirn?, In: Umwelt-Medizin-Gesellschaft 15 2 2002, S. 154-155.

Apfelbach, R., Engelhart, A., Behnisch, P., Hagenmaier, H.: The olfactory system as a portal of entry for airborne polychlorinated biphenyls (PCBs) to the brain?, In: Archives of Toxicology 72 1998, S. 314-317.

Apfelbach, R., Reibenspies, M., Schmidt, R., Weiler, E., Binding, N., Camman, K.: Behavioral effects and structural modifications in the olfactory epithelium after low level formaldehyde-gas exposure, In: E. Thyihàk (Hrsg.): Proceedings of the 3rd International Conference on Role of Formaldehyde in Biological Systems, Sopron 1992, S. 57-62.

Becker, K., Müssig-Zufika, M., Conrad, A., Lüdecke, A., Schulz, C., Seiwert, M., Kolossa-
Gehring, M.: Kinder-Umwelt-Survey 2003/06 - KUS -. Human-Biomonitoring Stoffgehalte in
Blut und Urin der Kinder in Deutschland, Dessau - Berlin 2007.
<http://www.umweltdaten.de/publikationen/fpdf-l/3257.pdf>

Camerom, P., Petersen, E., Zerger, C.: Endstation Mensch. Gesundheitsschäden
durch eine verfehlte Chemikalienpolitik, BUND, Berlin 2006.

Drasch, G., Schupp, I., Höfl, H., Reinke, R., Roider, G.: Mercury burden of human fetal and infant tissues, In: European Journal of Pediatrics 153 1994, S. 607-610.

Frentzel-Beyme, R., Die unbegreiflichen Widerstände gegen eine PCB-geleitete Studie in Schulen,
In: Umwelt-Medizin-Gesellschaft 16 1 2003, S. 50-52.

Keim, C.T.: Die Auswirkungen chronischer prä- und postnataler Quecksilberbelastung auf die Stärke der reaktiven Astrogliose in der Medulla Oblongata innerhalb der ersten 24 Lebensmonaten des Menschen - eine Untersuchung an 76 Leichen, Diss. Berlin 2000.

Klingelschmitt, K.P., Klassenzimmer sind vergiftet, In: taz vom 20.3.2006, S. 8.

Liebl, B., Schettgen, T., Kerscher, G., Broding, H.C., Otto, A., Angerer, J., Drexler, H.: Evidence for increased internal exposure to lower chlorinated polychlorinated biphenyls (PCB) in pupils attending a contaminated school, In: International Journal of Hygiene and Environmental Health 207 2004, S. 315-324.

Müssig-Zufika, M., Becker, K., Conrad, A., Schulz, C., Seiwert, M., Lusansky, C., Prick-
Fuß, H., Kolossa-Gehring, M.: Kinder-Umwelt-Survey 2003/06 Hausstaub. Stoffgehalte im
Hausstaub aus Haushalten mit Kindern in Deutschland, Dessau 2008.
<http://www.umweltdaten.de/publikationen/fpdf-l/3356.pdf
>

Ockelmann, G., PCB in Fugendichtmassen – Eine Kontaminationsquelle für Gebäude, In: Hempfling, Reinhold (Hrsg.), Schadstoffe in Gebäuden: Erkennen, Bewerten, Sanieren, Vermeiden, Taunusstein 1994.

Schuh, H.: Umweltgifte: Feinstaub im Hirn, In: Die Zeit Nr. 09. 2009.
<http://pdf.zeit.de/2009/09/Feinstaeube.pdf>

Williams, C.: Endstation Gehirn. Die Bedrohung der menschlichen Intelligenz durch die Vergiftung der Umwelt, Stuttgart 2003.

Zeschmar, B. / Lahl, U., Formaldehyd, Portrait einer Chemikalie. Kniefall der Wissenschaft vor der Industrie?, Freiburg im Breisgau 1984


Ulf Sauerbrey, 24.02.2009


   
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