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Pestizide und ADHS

Umweltgifte werden inzwischen erfreulicherweise immer exakter daraufhin untersucht, welche Wirkungen sie auf menschliches Verhalten haben. Gerade neurotoxische (nervengiftige) Substanzen finden sich häufig in Pflanzenschutzmitteln, die wir täglich ungewollt mit der Nahrung zu uns nehmen.

Haben Umweltgifte etwas mit zappeligen und unkonzentierten Kindern zu tun?

Literaturstudien wiesen in den letzten Jahren auf eine Vielzahl an alltäglich vorkommenden und gut untersuchten Schadstoffen hin, die die kindliche Verhaltensauffälligkeit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit/- Hyperaktivitätsstörung) (mit-)verursachen können (Sauerbrey 2010). Insbesondere Passivrauchen über die Nabelschnur und im frühen Kindesalter sowie Blei- und auch Quecksilberexposition wurden als Mitverursacher der ADHS identifiziert. Pestizide spielten bisher jedoch eine eher untergeordnete Rolle.

Die Forschgruppe um Maryse F. Bouchard untersuchte in einer neuen Studie den Urin 1139 US-amerikanischer Kinder zwischen acht und 15 Jahren (repräsentative Verteilung für die gesamten USA) auf Umbauprodukte (Metaboliten) so genannter Organophosphatpestizide (Bouchard et al. 2010). Derartige Pflanzenschutzmittel werden weltweit angewandt.

Durch frühere Untersuchungen (vgl. Ribas-Fitó et al. 2003; 2007) lag die Vermutung bereits nahe, dass Pestizide an der Entwicklung von ADHS bei Kindern beteiligt sein könnte. Ein Zusammenhang war bisher jedoch nur für das Pestizid Hexachlorbenzol (HCB) nachgewiesen worden. Weitere Studien fehlten lange Zeit

Bouchard und Kollegen zeigten nun in ihrer Untersuchung einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen ausgeschiedenen Umbauprodukten von Pestiziden einerseits und ADHS nach anerkannten Diagnosekritierien andererseits auf. Sie fanden heraus, dass Kinder mit einer höheren Ausscheidung dieser Umbauprodukte (genannt: DMAP) auch häufiger die Diagnose ADHS gestellt bekamen. Andere Faktoren, die Einfluss auf ADHS haben könnten wurden dabei ebenso kontrolliert.

Die Autoren schließen letztlich darauf, dass durch Ihre Studie die Hypothese einer Mitverursachung der ADHS durch Pestizide unterstützt wird. Weitere prospektive Studien seien notwendig, um zu untersuchen, ob dieser statistische Zusammenhang auch ursächlich (kausal) sei.

Während bisher die Studienlage zu Pestiziden und ADHS eher schlecht war, folgen inzwischen zunehmend konkrete Untersuchungen mittels anerkannten Diagnosemethoden für ADHS, die auch von der amerikanischen Psychiatrievereinigung (APA) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ihren Klassifikationskatalogen für psychische Krankheiten (DSM-IV und ICD-10) festgeschrieben sind. Diese Anwendung exakter Diagnosekritierien bei Studien zu Umweltgiften und ADHS hatte ich in veröffentlichten Literaturstudien
(vgl. Sauerbrey 2008, 2009, 2010) sowie in einem Radiointerview in den letzten Jahren mehrfach gefordert.

Vorsorglich sollten Eltern und Pädagogen Pestizide in der Kinderernährung vermeiden. Insbesondere Malathion und Hexachlorbenzol sollten nicht mehr von Kindern aufgenommen werden. Es existiert jedoch praktisch keine Kennzeichnung für Pestizide. Größtmögliche Sicherheit bieten aus diesem Grund bisher nur Lebens- und Nahrungsmittel aus ökologischem Anbau ("Bio"-Siegel). Hier sind Pestizide im Gesamtdurchschnitt 200fach niedriger konzentiert, oft sind sie auch gar nicht nachweisbar. Bei Lebensmitteln ohne das Bio-Siegel sind Pestizide fast immer nachweisbar und ca. 15 % der Fälle sogar bedenklich erhöht.


Literaturnachweise:

Bouchard, M.F., Bellinger,  D.C., Wright, R.O., Weisskopf, M.G. (2010): Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder and Urinary Metabolites of Organophosphate Pesticides, In: Pediatrics, published online May 17, S. e1270-e1277.
< http://pediatrics.aappublications.org/cgi/reprint/peds.2009-3058v1 > Download am 20.05.2010

Ribas-Fitó, N., Cardo, E., Sala, M., de Muga, E., Mazon C, Verdu A., Kogevinas,
M., Grimalt, J.O., Sunyer, J. (2003): Breastfeeding, exposure to organochlorine
compounds, and neurodevelopment in infants, In: Pediatrics 111 5, S. e580-
585.
< http://pediatrics.aappublications.org/cgi/reprint/111/5/e580 > Download am 20.05.2010

Ribas-Fitó, N., Torrent, M., Carrizo, D., Júlvez, J., Grimalt, J.O., Sunyer, J. (2007):
Exposure to Hexachlorobenzene during Pregnancy and Children’s Social Behavior
at 4 Years of Age, In: Environmental Health Perspectives 115 3, S. 447-450.

Sauerbrey, U. (2010): ADHS durch Umweltgifte? Schadstoffe in der Kinderumwelt, Jena : IKS Garamond.

Sauerbrey, U. (2008): Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) durch Umweltgifte, In: Umwelt-Medizin-Gesellschaft 21 4, S. 314-319.

Ulf Sauerbrey, 20.05.2010

   
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