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Perfluorierte Chemkalien und ADHS
Ulf Sauerbrey

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist die derzeit am häufigsten diagnostizierte Störung im Kindesalter. Eine Vielzahl an Risikofaktoren bzw. Ursachen wird in der wissenschaftlichen Forschung bisher diskutiert. Die Datenlage über Umweltgifte als Risikofaktoren der ADHS steigt zunehmend. Inzwischen sind für einige Schadstoffe, insbes. das Schwermetall Blei und Tabakrauch (passiv) in der Schwangerschaft und in der frühen Kindheit ausreichend Nachweise vorhanden. Diese Stoffe sind nachgewiesene Risikofaktoren für ADHS (Sauerbrey 2010a). Zudem kommen neue Schadstoffe in die Diskussion, etwa Pestizide aus Innenräumen und der Nahrung sowie Phthalate, d.h. Weichmacher in Kunststoffverpackungen und Spielzeug (Sauerbrey 2010b).

Eine neue Studie zu Perfluorierten Chemkalien

Die beiden Forscher Chunyuan Fei und Jørn Olsen von der University of California untersuchten Perfluorierte Chemkalien als Risikofaktoren psychischer Störungen bei Kindern. Ihr Artikel erschien aktuell in der umweltmedizinischen und toxikologischen Fachzeitschrift Environmental Health Perspectives.

Was sind Perfluorierte Verbindungen?


Perfluorierte Verbindungen sind menschengemachte, fluorhaltige Chemikalien, die seit den 1950er Jahren hergestellt wurden. Zwei der häufigsten dieser Verbindungen sind das PFOA und PFOS. Beide haben industriell vorteilhafte Eigenschaften, z.B. wird durch sie die Oberflächenspannung von Wasser herabgesetzt, daher sind sie nützlich in einer Vielzahl von speziellen Consumer-Anwendungen, wie etwa Fleck-und wasserabweisende Grundierungen auf Tepichen und Kleidung. Auch als Tenside und Emulgatoren finden sie sich in Kosmetika und Shampoo (Poulsen et al. 2005, Vestergren, Cousins 2009). Perfluorierte Verbindungen haben eine lange biologische Halbwertszeit, im menschlichen Körper etwa 4 bis 5 Jahre. Sie passieren die Plazenta und die fetale Hirn-Schranke, d.h. sie gelangen bei Aufnahme durch die Mutter in das Gehirn des noch ungeborenen Kindes. Da PFOA und PFOS in das dopaminerge System im Gehirn eingreifen (vgl. Sauerbrey 2010a), besteht ein höchst plausibler Verdacht, dass diese beiden alltäglich vorkommenden perfluorierten Verbindungen ADHS (mit-)verursachen könnten.

Die Studie

Fei und Olsen nutzen in ihrer Studie die Dänische Nationale Geburtskohorte, in welcher Mütter seit der frühen Schwangerschaft untersucht wurden. Dabei wurde auch der mütterliche Blutspiegel von PFOA und PFOS gemessen. Im Alter von 7 Jahren wurde bei ihren Kindern mittels zweier psychologischer Erhebungsinstrumente (1. Strengths and Difficulties Questionnaire, 2. Developmental Coordination Disorder Questionnaire) Verhaltensstörungen und die motorische Koordination beurteilt.

Es fand sich in der Analyse von Fei und Olson kein signifikanter Zusammenhang zwischen höheren Messwerten in den Erhebungsinstrumenten und mütterlichen Belastungen mit PFOS oder PFOA. Diese eine Studie gibt daher Entwarnung: Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine alltägliche Hintergrundbelastung von PFOA und PFOS nicht mit Verhaltensstörungen oder Problemen
der motorischen Koordination in der Kindheit assoziiert ist. Allerdings wurden die Auswirkungen auf andere Entwicklungsprozesse (Kognition, Aufmerksamkeitsprozesse, klinische psychische Störungen) in dieser Studie nicht untersucht. Weitere Studien, v.a. im direkten Bezug auf ADHS nach anerkannten internationalen Diagnosekriterien sind daher dringend notwendig.

Literaturliste:

Fei, C., Olsen, J. (2011): Prenatal Exposure to Perfluorinated Chemicals and Behavioral or Coordination Problems at Age 7 Years, In: Environmental Health Perspectives, 119 4, S. 573-578.­

Poulsen, P., Jensen, A., Wallström, E. (2005): More Environmentally Friendly Alternatives to PFOS-compounds and PFOA. Danish Ministry of the Environment. Environmental Project No. 1013. Copenhagen. http://www2.mst.dk/udgiv/Publications/2005/87-7614-668-5/html/helepubl_eng.htm (Download am 3.4.2011)

Vestergren, R., Cousins, I.T. (2009): Tracking the pathways of human exposure to perfluorocarboxylates, In: Environmental Science & Technology 43 15, S. 5565–5575.

Sauerbrey, Ulf (2010a: ADHS durch Umweltgifte. Schadstoffe in der Kinderumwelt, Jena.

Sauerbrey, Ulf (2010b: AD(H)S und Umweltgifte - eine Aktualisierung der Studienlage, In: Umwelt-Medizin-Gesellschaft 23 1, S. 33-40.



Ulf Sauerbrey, 03.04.2011

   
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