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Umweltgifte als Ursache für ADHS unterschätzt
Interview mit Ulf Sauerbrey, M.A.
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom) ist die häufigste psychiatrische Störung bei Kindern. Forscher sehen die Ursache der Krankheit in mehreren Faktoren begründet. Demnach spielen bei der Entstehung der Krankheit psychische, biologische und soziale Faktoren eine Rolle. Dem Jenaer Wissenschaftler Ulf Sauerbrey kommen bei dieser Begründung die Umweltfaktoren zu kurz. Seiner Ansicht nach wirken sie sich bei der Entwicklung der Krankheit viel stärker aus als bisher angenommen.
Seyfried: Sie haben mehr als 50 Studien zu den Ursachen von ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ausgewertet. Warum haben Sie sich mit dem Thema so intensiv auseinander gesetzt?
Sauerbrey: In Handbüchern und Überblicksdarstellungen zumThema ADHS spielten Umweltgifte in der Darstellung der Risikofaktoren bisher kaum eine Rolle. Lediglich demmütterlichen Rauchverhalten während der Schwangerschaft wird hier Beachtung geschenkt. Zum Teil wird in den Handbüchern sogar angemerkt, dass Schadstoffbelastungen in der heutigen Kinder-Umwelt nur selten relevant sind. Das ist jedoch schlichtweg falsch. Umfassende Studien zeigen, dass heute jedes Kind in Deutschland, unabhängig vom sozialen Status, von einer Vielzahl an Umweltgiften betroffen ist.
Seyfried: Um welche Schadstoffe handelt es sich hauptsächlich? Wie nehmen Kinder diese auf?
Sauerbrey: Das Schwermetall Blei ist nach Studien ein inzwischen ausreichend untersuchter Risikofaktor für ADHS. Unabhängig von der Höhe der bei Kindern gemessenen Bleiwerte im Körper besteht ein signifikanter Zusammenhang mit der Wahrscheinlichkeit des Auftretens der ADHS. Bleibelastungen bei Kindern treten trotz des Verbotes der Bleizusätze im Benzin heute noch immer durch veraltete Wasserleitungen und -armaturen sowie durch Spielzeug und selten auch durch unzureichend gebrannte Keramik auf. Weitere Studien konnten zudem Hinweise liefern, dass auch das Schwermetall Quecksilber sowie Pestizide und Weichmacher ADHS verursachen könnten. Zudem stehen Einzelsymptome der ADHS auch mit PCB-Belastungen (durch belastete Nahrung, Stillen sowie Fertigbauteile und Fugenmassen veralteter Häuser) und mit Nahrungsmittelzusatzstoffen (Farb- und Konservierungsstoffe) in Zusammenhang.
Seyfried: Welches Fazit ziehen Sie aus der Analyse der Studien?
Sauerbrey: Schadstoffe in der Kinder-Umwelt sollten in der Ursachenforschung und in der Therapie der ADHS zukünftig dringend berücksichtigt werden. Durch das möglicherweise sehr hohe Schädigungspotenzial sollte Betroffenen in der Therapie im Rahmen des präventiven Gesundheitsschutzes diese Erkenntnisse samt Vermeidungsstrategien für Umweltgifte im Alltag vermittelt werden.
Das Interview führte: Diana Seyfried, M.A.
Quelle: Magazin KU Gesundheitswelt, August 2010, S. 5.
( online abrufbar unter: http://www.die-gesundheitswelt.de/files/gw2.pdf )
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