Friedrich Fröbel – eine moderne Pädagogik und eine Skizze der gegenwärtig notwendigen Forschung (Ulf Sauerbrey)
Friedrich Wilhelm August Fröbel wurde 1782 in die Zeit der Aufklärung geboren. Trotz weitgehend isolierter Kindheit auf dem Lande kam er bereits als Jugendlicher in Kontakt mit Schriften von Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (Heiland 1982; Boldtz, Eichler 1982). Während seiner Studienzeit in Jena und Berlin hörte er Vorlesungen bei Hegel und Schleiermacher. Aus seiner Beschäftigung mit aufklärerischen Theorien erwuchs in Verbindung mit einer besonderen Selbstbezogenheit im Denken, in Auseinandersetzung mit den Philanthropen (Salzmann, Campe, Basedow) und durch Beobachtungen in der Praxis im Laufe von knapp zwei Jahrzehnten (etwa 1810-1826) eine neuartige Pädagogik, die vor allem auf Beobachtung pädagogsichen Geschehens basierte. Gerade dieser Sachverhalt - Fröbels empirische Beobachtung und Beachtung von Kindern - blieb in der Rezeption seiner Ideen sowohl in Wissenschaft, wie auch in der Praxis der Kindergartenpädagogik lange Zeit weitgehend unbeachtet.
Fröbels Schriften wurden in einer Zeit der Bewegung der Romantik zugeordnet, als dieser Epochenbegriff noch weitgehend negativ besetzt war. Fröbelpädagogik galt als zu sozialromantisch, zumindest im deutschsprachigen Raum. International besteht jedoch in keiner Weise ein Streitpunkt über die Notwendigkeit der Begleitung und Förderung der kindlichen Entwicklung, wie vor allem Fröbel sie durch das Spiel als wesentliche Lernmethode erkannte. Gleichwohl blieben bisher die fröbelschen Begründungen der Notwendigkeit von Erziehung problematisch, da ihnen scheinbar eine spekulative, religiöse Theorie zugrunde liegt. Dass dieser Zusammenhang jedoch kein Widerspruch sein muss, haben Michael Winkler und Ulf Sauerbrey in einer kommentierten Quellenausgabe von vier Texten Friedrich Fröbels aufgezeigt (Sauerbrey, Winkler 2011).
Heute sind die auf tatsächlich empirischer Grundlage gewonnenen Erkenntnisse, die Fröbel als Erzieher in Familien und Erziehungsanstalten erwarb aktueller denn je. Ein Großteil der durch Neurowissenschaften (Hirnforschung) und Entwicklungspsychologie erbrachten Nachweise verschiedener Entwicklungsphasen und –bedürfnisse von Kindern wurde schon im Laufe der 1820er Jahre von Fröbel erkannt und beschrieben – vor allem in seinem Hauptwerk, der „Menschenerziehung“ aus dem Jahr 1826. Selbstverständlich argumentiert Fröbel darin pädagogisch und nicht neurowissenschaftlich. Dennoch sind diese Einsichten – besonders vor dem Hintergrund des zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch nicht umfassend verfügbaren Wissens über die Entwicklung von Kindern – bemerkenswert.
Nur wenige deutschsprachige Forscher widmen sich bisher der Erziehungstheorie. Fröbels. Japanische, englische und amerikanische Wissenschaftler sind hier weitaus stärker interessiert, wenngleich die Begriffe Fröbels sowie seine weitläufigen, das Ganze der pädagogischen Erscheinungen zu fassen versuchenden Beschreibungen selbst den deutschsprachigen LeserInnen durchaus Schwierigkeiten bereiten.
Die weltweite Verbreitung der fröbelschen Ideen zeichnen sich nicht einzig durch die Übernahme des Begriffs „Kindergarten“ ins Englische und weitere Sprachen sowie die große internationale Nachfrage nach dem fröbelschen Spielgabensystem ab. Auch die Teilnahme und das Engagement internationaler Forscher an Veranstaltungen wie etwa der International Froebel Society (IFS) erstaunt hierzulande. Die IFS beschloss 2008 ihren zweijährigen Kongress 2010 in Jena zu veranstalten. So fand im April 2010 in Jena, einer Stadt in Thüringen, in der auch Fröbel um 1800 studierte, die 4. Internationale Fröbelkonferenz der IFS, der deutschen Sektion der IFS sowie des Instituts für Bildung und Kultur an der Friedrich-Schiller-Universität Jena statt. Ziel war es, Traditions- und Kontinuitätslinien des aufklärerischen Denkens Fröbels in die Gegenwärt zu ziehen und so vor dem Hintergrund von "Erziehung, Bildung und sozialem Handeln" – so der Titel der Konferenz – Fröbelpädagogik im Kontext der Moderne zu untersuchen. Aus der Konferenz, deren Themen unter folgender Homepage eingesehen werden können:
http://www.uni-jena.de/froebelkongress
entstand vor allem ein Konferenzband, der Beiträge von Fröbelforschern, Hirn- und Bindungsforschern und weiteren interdisziplinär arbeitenden WissenschaftlerInnen enthält. Der Titel des Bandes lautet: „Fröbelpädagogik im Kontext der Moderne. Bildung, Erziehung und soziales Handeln“ und kann unter folgendem Link bestellt werden:
http://www.amazon.de/Fr%C3%B6belp%C3%A4dagogik-Kontext-Moderne-Karl-Neumann/dp/3941854313/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1317373317&sr=8-1
Ein weiter Band mit dem Titel "Fröbelpädagogik im Kontext der Praxis" befindet sich derzeit in der Veröffentlichungsphase.
Die wissenschaftliche Untersuchung der Fröbelpädagogik wurde in den letzten Jahrzehnten vor allem durch den Fröbelforscher Helmut Heiland vorangetrieben, der mit seinem Team an der Universität Duisburg-Essen die über ein DFG-Projekt finanzierte Gesamtausgabe der Fröbelschen Briefe erstellt hat. Die so genannte „Briefausgabe Friedrich Fröbel“, inzwischen herausgegeben von der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung und von der Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen ist unter folgender Internetadresse zu finden
http://bbf.dipf.de/digitale-bbf/editionen/froebel
Sie steht nun vor allem für die weitere Erforschung der Pädagogik sowie der Biografie Fröbels zur Verfügung. Die Fröbelforschung erbrachte bisher weigehend Grundlagen. Die weitere Forschung zur Pädagogik Fröbels steht jedoch noch relativ am Anfang.
Literaturnachweise:
Boldt, R., Eichler, W. (1982): Friedrich Wilhelm August Fröbel, Leipzig, Jena, Berlin.
Heiland, H. (1982): Friedrich Fröbel in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek bei Hamburg.
Fröbel, F. (2011): Pädagogik zwischen Welt und Religion. Hrsg. und komment. von Ulf Sauerbrey und Michael Winkler, Jena.
Neumann, K., Sauerbrey, U., Winkler, M. (2010): Fröbelpädagogik im Kontext der Moderne. Bildung, Erziehung und soziales Handeln, Jena.
Autor: Ulf Sauerbrey, M. A.
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Bildung und Kultur
Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik
und Theorie der Sozialpädagogik
Am Planetarium 4
07737 Jena