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Bildung zuhause? Theoretische und empirische Hinweise
Ulf Sauerbrey
Häusliche Bildung ist für Kinder heute noch immer die erste und damit grundlegende Bildung im menschlichen Entwicklungsverlauf. Aus der Bindung zu ihren Bezugspersonen (Mutter, Vater) heraus explorieren Kinder ihre Umwelt. Eine Vielzahl an materiellen, sozialen und emotionalen Faktoren bestimmt die Bildung im häuslichen Kontext. Pädagogische Räume können daher als „Ordnungsräume“ betrachtet werden. Im historischen Rückblick zeigt sich, dass diese Vorstellung der Menschen geprägt wurde von einer Sorge aufgrund Veränderungen der äußeren Welt (Nießeler 2005, S. 77-94). Was die Gesellschaft an notwendigen Erfahrungen für Kinder insbesondere seit der Industriellen Revolution erschwerte, sollte von den Kindern im Haushalt, im engen Kreis der Familie erlernt werden. Dabei geht es nicht um Mathematik im Sinne schulischen Unterrichts, sondern um grundlegende Sachverhalte: Um Vertrauen und um Sprache, um Konzentration, Aufmerksamkeit und um Interesse an der Welt und um Begeisterung für diese. All dies müssen Kinder zunächst lernen, um später erfolgreich im Bildungssystem sein zu können.
Was ist nun dafür notwendig? Wie kann das Zuhause der Kinder ihnen in ihrer Entwicklung helfen? Was können Eltern tun? Der vorliegende Text bezieht sich nach Darstellung einiger klassisch-pädagogischer Ansätze zum Raum als kindlichen Bildungsort auf Ideen Friedrich Fröbels zur häuslichen Bildung und Erziehung. Daran anknüpfend wird diese geisteswissenschaftliche Befundlage mit neueren Ergebnissen aus der pädagogischen Psychologie verglichen. Am Ende können durch eine Verknüpfung der Befunde wesentliche Schlussfolgerungen getroffen werden, wie Kindern heute (mit aller Vorsicht ausgedrückt) eine möglichst hohe Chancengleichheit in Bezug auf Bildung schon von Geburt an gegeben werden kann.
Bildung und Raum aus der Sicht „pädagogischer Klassiker“
Der geisteswissenschaftliche Pädagoge Otto Friedrich Bollnow beschreibt, wie sich menschliches Leben von Anfang an, also „ursprünglich“ im räumlichen Kontext vollzieht und davon „nicht einmal in Gedanken abgelöst werden“ kann (Bollnow 1976, S. 23). Gehen wir zeitlich etwas weiter, finden wir ähnliche Ansätze. Das „Mittel der Umgebung“ nennt schon John Dewey den Raum, der zur Erziehung nicht nur geschaffen wird, sondern der mittelbar erzieht (Dewey 1964, S. 37). Eine Vielzahl an pädagogischen Klassikern befasst sich mit dem Raum als lebenspraktischen Bildungsort (Nießeler 2005, S. 77ff.). Schon der vom Menschen kultivierte Garten wurde bei Friedrich Fröbel als ein der Natur nachempfundener Lern- und Bildungsort für Kinder genutzt (Fröbel 1982, S. 155; vgl. Nießeler 2005, S. 81f.). Jedoch galt Fröbel ebenso die häusliche Umgebung als wesentlicher Bildungsort. Der Bezug des Kindes zur Mutter durch frühe Spielgaben wie den Ball sowie durch die Mutter- und Koselieder zeigt bei Fröbel eine Bindungsgrundlage, die später von John Bowlby (2005) theoretisch umfassend und von Mary Ainsworth mittels strukturierter empirischer Versuche abgesichert wurde. Die Bindung zu den primären Bezugspersonen muss bei einer Betrachtung der häuslichen Umgebung berücksichtigt werden, da pädagogische Beziehungen untrennbar mit räumlichen Faktoren verknüpft sind. Letztere lassen sich vereinfachend als materielle Rahmenbedingung beschreiben, in welcher sich durch eine komplexe Wechselwirkung die sozialen und emotionalen Bindungen zu den Bezugspersonen hin zur kindlichen Bildung entwickeln. Zurück zu den pädagogischen Klassikern: Der wohl wichtigste Lehrer Fröbels, Johann Heinrich Pestalozzi, beschrieb bereits früh in „Lienhard und Gertrud“ die mütterliche Fürsorge im häuslichen Kontext (Pestalozzi 1944). Das Familienbild ist hier klassisch triadisch. Die Mutter erzieht im frühkindlichen Alter, später folgt der Vater. Es handelt sich um eine Wohnstubenerziehung (vgl. Nießeler 2005, S. 84). Die dargestellten Lebens- und Lernsituationen der Kinder sind deutlich idealisiert. Das Werk wirkt somit stärker literarisch konzipiert als die spätere Veröffentlichung „Wie Gertrud ihre Kinder lehrt“ (Pestalozzi 1944). Hier sind die Erfahrungen in eigenen Erziehungsanstalten, die Pestalozzi betrieb, weitaus stärker eingeflossen als in den früheren Werken. Die Ideen des Lehrers beeinflussten auch Friedrich Fröbel in seiner eigenen Konstruktion der Familie im häuslichen Kontext als ersten und grundlegenden Bildungsort für Kinder. Eine Reihe von kindlichen Bildungsmomenten skizziert er im Haus der Eltern. Das folgende Kapitel beschreibt das Lesenlernen im häuslichen Umfeld.
„Wie Lina lesen und schreiben lernt“ (Fröbel)
Das frühe Kennenlernen von Papier, Briefen, Büchern und Zeitungen ist eine pädagogsiche Rahmenbedingung im häuslichen Kontext, deren Wirkung auf das Lesen- und Schreibenlernen des Kindes nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. In einer Geschichte, deren Veröffentlichung bisher weitgehend unbeachtet blieb, bedient sich Fröbel einer prosaischen Darstellung, aus welcher nicht ersichtlich ist, inwieweit er sie selbst beobachtet oder sie eher idealisiert dargestellt hat (Fröbel 1925). Zumindest beschreibt sie jedoch mit den Fröbelschen Werken im Generellen kongruent eigene Erfahrungen und Ideen, die sich schlichtweg auf Plausibilität und heute auch mittels neuer empirischer Untersuchungen prüfen lassen. Was beschreibt Fröbel nun?
Die Darstellung des Lesenlernens erinnert zunächst an Pestalozzis Ideen, jedoch sind die Gespräche, die das Kind Lina mit seinen Eltern führt weniger idealisierend dargestellt. Lina beobachtet in der Beschreibung zufällig den Vater, der ihr als enge Bezugsperson ein Vorbild ist, wie er vertieft ein Buch liest. Sie ist beeindruckt und entschließt sich daraufhin, lesen zu lernen. Die Sprache von Lina ist kurz, vereinfachend, kindlich - weit weniger bieder als bei Pestalozzi. Dies verweist nun bei Fröbel möglicherweise auf eine Beschreibung eines tatsächlich erlebten Alltags mit Kindern. Ähnliches scheint von Fröbel durchaus real erlebt und beobachtet worden zu sein. Die Mutter greift das vom Kind ausgehende Bedürfnis auf und will Lina daraufhin helfen, Lesen zu lernen. Sie führt Lina über eine fast sokratische Methode, die jedoch keineswegs belehrend wirkt, zur sprachlichen Verdeutlichung von Silben, aus denen Worte bestehen sowie von Buchstaben, aus denen wiederum die Silben bestehen. Lina erkennt Worte, die Mutter hilft ihr, sie in großen Druckbuchstaben zu schreiben. Als Ziel fasst Lina nun, den Vater mit einem eigenen, selbst geschrieben Brief zu beeindrucken. Sie möchte so sein wie er. Und sie will ihm dies auch zeigen. Auf einer Tafel hinterlässt sie dem arbeitenden Vater Botschaften. Die kurzen Inhalte bleiben nah am häuslichen Kontext. Der Vater reagiert mit ebenfalls kurzen Antworten - er hinterlässt sie auf dem Tisch -, die wiederum Lina gemeinsam mit ihrer Mutter liest. Bald lobt der Vater Lina in seinen Briefen, dass sie schon so gut lesen und schreiben kann. Lina freut sich. Die Mutter fragt Lina weiter nach Unterschieden zwischen verschiedenen Buchstaben und der Form, durch die der Mund sie erzeugt. Lina erkennt so den Unterschied zwischen Konsonanten und Vokalen.
Ausführlich beschreibt Fröbel hier das Vorgehen der Mutter, die Lina hilft, den ursprünglich vom Kind selbst ausgehenden Impuls, das Lesen und Schreiben zu lernen, zu unterstützen. Sie führt das Kind in ein eigenes Sprachverständnis. Sie erzieht dabei entwickelnd auf Grundlage dessen, was Lina schon begreifen kann. Diesem „Geist der entwickelnd erziehenden Menschenbildung“ (Fröbel 1925, S. 255ff.) widmet Fröbel in Bezug auf die Geschichte von Lina eine ausführliche Abhandlung. Hierzeigt er auf, welche Faktoren das nach Fröbels Idee schon bereits im Kind sich befindende Bedürfnis, Lesen und Schreiben zu lernen, wecken: „Besonders aber wird dieses allwirkende Gefühl durch gepflegte Selbsttätigkeit und entwickelndes Sich-Beschäftigen in der Nähe der Eltern, namentlich der Mütter, mindestens in der Umgebung wirklich erziehender Erwachsener geweckt.“ (Fröbel 1925, S. 259; Hervorhebung U.S.). Fröbel beschreibt zudem, wie die frühe Kenntnis von Briefen als eine Möglichkeit von Kontaktaufnahme zu Bezugspersonen, die nicht anwesend sind, schon Kinder begeistert, die längst noch nicht lesen und schreiben können. Diese Zone der nächsten Entwicklung (Lev Vygotsky), hier das Lesen, wird angeregt.
Ergebnisse psychologischer Forschung
Eine Reihe von Studien aus der psychologischen Forschung konnte Zusammenhänge zwischen der häuslichen Umgebung und kindlicher Bildung aufzeigen. Eine Untersuchung von Stephen Petrill und Kollegen an der University of Pennsylvania (Hart et al. 2007) untersuchte chaotisch organisierte Haushalte. Zur Bestimmung der Unordnung in diesen Haushalten wurde eine Instrument verwendet, dass die Eltern mittels Fragebogenerhebung nach Items zum Chaos im Haushalt befragte. Der sozioökonimische Status (SÖS) samt Bildungsabschluss der Mütter wurde ebenfalls erhoben. Die Ergebnisse beeindruckten. In den untersuchten Familien waren zwar nicht allein durch den sozioökonimischen Status der Eltern und nicht allein durch das Chaos im Haushalt häufiger chaotische Kinder zu finden. Es fanden sich jedoch generell langfristige nachteilige Wirkungen auf die allgemeinen kognitiven Fähigkeiten der Kinder, wenn der SÖS niedrig und der Haushalt chaotisch waren.
Die Entwicklungspsychologin Laura Berk hält vor dem Hintergrund einer Reihe ausführlicher und relativ gesicherter empirischer Studien fest: „Ungeachtet des sozioökonomischen Status und der Ethnizität, sagen ein organisierter, stimulierender physischer Hintergrund und elterliche Ermutigung, Engagement und Zuneigung wiederholt den IQ von Säuglingen und Kleinkindern voraus[…]“. Bei Kindern, die ein reichhaltiges Angebot von Dingen der Welt bereits im häuslichen Umfeld erhalten, kann ein höherer Intelligenzquotient festgestellt werden. Wesentlich ist dabei das Sprechen der Eltern mit dem Säugling und dem Kleinkind. Bereits das Erlernen des Sprechens und die Fortschritte, die das Kind dabei macht, korrelieren mit höheren Intelligenzquotienten und höheren Schulabschlüssen im späteren Leben (Hart, Risley 1995). Möglicherweise sind wenige, aber dafür sehr enge Bezugspersonen besonders günstig für die Sprachentwicklung von kleinen Kindern.
Schlussbemerkung
Der Einfluss der Wohnumgebung, also des materiellen häuslichen häuslichen Kontexts in Verbindung mit den sozialen und emotionalen Bedingungen, die die Bezugspersonen dem Kind bieten, hat eine große Bedeutung für die Bildung des Kindes. Eines darf nach der Vorstellung der Beispiele nicht unterschätzt werden: auch Spielräume sind wichtig. Sie müssen anregend für Kinder sein. Insofern ist Architektur und Farbwahl, die Möglichkeit des Kennenlernens von Formen und Größen (und damit auch die Einrichtung der Wohnung ebenso wie eine gewisse Ordnung) sehr wichtig für die Entwicklung des Kindes.
Bewegungsfreundlichkeit ist ebenso eine notwendige Rahmenbedingung der kindlichen Entwicklung. All dies ist in schlecht organisierten Haushalten seltener zu finden. Hier haben auch Kinder geringere Chancen auf Bildung. Insgesamt gilt ein gut organisierter Haushalt als vorteilhaft besonders im frühkindlichen Alter. Für alltägliche Erziehungsrituale ist auch dies bedeutsam, denn der „Raum legt Positionen und Handlungen fest.“ (Winkler 2006, S. 149).
Jedoch sind die förderlichen Rahmenbedingungen - um mit Urie Bronfenbrenner zu sprechen - im hier behandelten Mikrosystem abhängig von weiteren Systemen. Sie können sich über den Sozioökonomischen Status derart auf das Kind auswirken, dass die elterliche Organisation des häuslichen Kontextes deutlich erschwert wird. Forderungen an Gesellschaften zur besseren sozialen Versorgung, die eine soziale Ungleichheit in der kindlichen Bildung verhindern, sind notwendig und an dieser Stelle angebracht.
Gleichwohl müssen jedoch auch Eltern - durch empirische Befundlage ist dies eben tatsächlich abgesichert - erfahren dürfen, dass sie auch trotz schlechter sozioökonomischer Bedingungen, zuhause eine anregungsreiche Umwelt gestalten können, welche deutlich positive Effekte auf die Bildung ihrer Kinder hat. Eltern erfahren heute einen weitaus größeren kulturellen Druck in Bezug auf Erziehungs- und Bildungsaufgaben. Auch sind sie gerade in der Erziehung heute mehr denn je verunsichert. Trotzdem müssen sie ihren Kindern bestimmte basale und elementare Grundlagen sicherstellen:
Wichtig sind Warmherzigkeit der Eltern sowie ihre Fähigkeit und vor allem die Bereitschaft, sich in das Kind und seine Bedürfnisse einzufühlen. Dem Nachwuchs sollte nicht zuviel zugemutet werden. Forderungen an die Kinder dürfen aber immer gestellt werden - diese müssen aber für die Kleinen zu schaffen sein. Eltern dürfen Fehler machen und diese auch eingestehen. "Perfekte Eltern wären unmenschlich," sagte einmal der renommierte Erziehungswissenschaftler und Familientherapeut Wolfgang Bergmann in einem Interview.
Literaturnachweise:
Berk, L.E.: Entwicklungspsychologie, München u.a. 2005.
Bollnow, O.F.: Mensch und Raum, Stuttgart u.a. 1976.
Dewey, J.: Demokratie und Erziehung. Eine Einleitung in die Philosophische Pädagogik, Braunschweig u.a. 1963.
Hart, A.A., Petrill, S.A., Deckart, K.D., Thompson, L.A.: SES and CHAOS as environmental mediators of cognitive ability: A longitudinal genetic analysis, In: Intelligence 35 3 2007, S. 233-242.
Hart, C.H., Risley, T.R.: Meaningful differences in the everyday experience of young American children, Baltimore 1995.
Fröbel, F.: "Die Kindergärten als umfassende Pflege- und Erziehungsanstalt der Kindheit", In: E. Hoffmann (Hrsg.): Ausgewählte Schriften, Band 4, Stuttgart 1982.
Fröbel, F.: Wie Lina schreiben und lesen lernt, In: A. Schober (Hrsg.): Friedrich Fröbel als Führer zur Gegenwartspädagogik. Ein Auszug aus seinen Schriften, Berlin 1925a, S. 217-253.
Fröbel, F.: Geist der entwickelnd erziehenden Menschenbildung. Dargelegt an der Art und Weise "wie Lina lesen lernte", In: A. Schober (Hrsg.): Friedrich Fröbel als Führer ur Gegenwartspädagogik. Ein Auszug aus seinen Schriften, Berlin 1925b, S. 255-280.
Nießeler, A.: Bildung und Lebenspraxis. Anthropologische Studien zur Bildungstheorie, Würzburg 2005.
Pestalozzi, J.H.: Gesammelte Werke in zehn Bänden, Zürich 1944-.
Winkler, M.: Kritik der Pädagogik. Der Sinn der Erziehung, Stuttgart 2006.
Ulf Sauerbrey, 10.06.2010
