Keine "kleinen Erwachsenen"
Kinder sind etwas Besonderes. Sie unterscheiden sich in wesentlichen Punkten von uns Erwachsenen. Im Mittelalter gab es zwar durchaus so etwas wie Kindheit (vgl. Aries 2007; de Mause 1980), jedoch vorwiegend in Form pädagogischer Präsentation - d.h. Kinder nahmen schlichtweg am Alltag der erwachsenen Generationen teil und wurden auf diese Weise in die Welt eingeführt, die um sie herum bestand (Mollenhauer 1985).
Einige Unterschiede aus Sicht der pädagogischen "Klassiker"
Jean-Jeaques Rousseau wies im 18. Jahrhundert als Erster differenziert auf die Besonderheit von Kindern hin (Rousseau 2005). Weitere pädagogische Persönlichkeiten, wie
- Johann Heinrich Pestalozzi - Das Kind als "Geschwisterkind" (Giesecke 1997, S. 37ff.),
- Friedrich Fröbel - das Spiel als wesentliche kindliche Lernmethode (Heiland 1982, S. 94ff.) ,
- Maria Montessori - "Kinder sind anders" (Montessori 2004)
und viele andere griffen diese Idee in der Folgezeit auf und erweiterten sie durch ihre jeweiligen Kenntnisse.
Entwicklungspsychologische Unterschiede
Im 20. Jahrhundert war es vor allem Jean Piaget, der das Verhalten von Kindern im Vergleich zu Erwachsenen entwicklungspsychologisch erforschte (Piaget 1971; 1988). Piaget erkannte in Interviews mit Kindern und mittels Spielversuchen verschiedene Entwicklungsphasen mit besondern Merkmalen:
- sensumotorische Phase
Phase des Säuglings und Kleinkindes in der die Sinnesorgane entwickelt und die motorischen Aktivitäten erprobt werden.
- präoperationale Phase
Phase in der Kinder noch nicht logisch, sondern symbolisch denken und im Als-Ob-Spiel ihre erworbenen Fähigkeiten erproben. Besonders durch geeignetes Spielzeug wird hier bereits die Kultur vermittelt, in die sie hineinwachsen.
- konkret-operationale Phase
Phase der konkreten Operationen: An Gegenständen lernen Kinder zunehmend logisch zu denken. Diese Phase fällt in etwa in die Grundschulzeit.
- formal-operationale Phase
Phase des Übergangs ins Erwachsenenalter, in der abstraktes Denken möglich wird. Gegenstände, über die nachgedacht wird, müssen nicht mehr dinglich gegenwärtig sein. Menschen können sich in dieser Phase zunehmend besonders selbst reflektieren und über das eigene Denken nachdenken. Dies wird in der Psychologie auch Metakognition genannt.
Biophysische Unterschiede (vgl. Sauerbrey 2008)
Aus biophysischer Sicht dürfen Kinder ebenso nicht als „kleine Erwachsene" betrachtet werden (Bauer et al. 1998, S. 69). Die anatomischen Unterschiede von Kindern wie etwa der größere Kopf im Vergleich zum Körper sind weitgehend bekannt. Weniger bekannt hingegen sind die Besonderheiten des Stoffwechsels in Verbindung mit dem Verhalten. Kinder sind verglichen mit Erwachsenen bspw. anfälliger für neurotoxische Schadstoffe, da sie unter anderem (vgl. Cameron et al. 2006):
- eine größere Hautoberfläche relativ zum Körpergewicht haben,
- ein größeres Atemvolumen im Verhältnis zum Körpergewicht besitzen,
- eine erhöhte Nahrungsaufnahme relativ zum Körpergewicht haben,
- eine höhere Resorption von Schadstoffen im Magen- und Darmtrakt aufweisen,
- weniger und unzureichend entwickelte Entgiftungsenzyme besitzen,
- eine unvollständig entwickelte Nieren- und Leberfunktion aufweisen,
- gerade in jüngeren Jahren ein schlechteres Immunsystem haben,
- durch ihre geringe Größe stärker durch Schadstoffe in Bodennähe betroffen sind.
Gerade die Ausdifferenzierung des Zentralnervensystems (Gehirn und Rückenmark) sowie der physischen Funktionen ist im Laufe der kindlichen Entwicklung besonders von Risikofaktoren bedroht. Kindliches Verhalten bedingt eine erhöhte Schadstoffaufnahme, da (vgl. Needleman & Landrigan 1996):
- insbesondere Kleinkinder sich häufiger am Boden aufhalten
(Krabbelkinder),
- Kinder häufiger Gegenstände und schmutzige Hände in den Mund nehmen (Mouthing).
Alle beschriebenen Faktoren verlangen eine besondere Aufmerksamkeit in der pädagogischen Planung einer entwicklungsfördernden Kinderumwelt. Hierbei müssen sämtliche relevanten Disziplinen in Zukunft weitaus stärker zusammen arbeiten. Insbesondere die biophysischen Besonderheiten von Kindern blieben bisher zu sehr vernachlässigt.
Literaturnachweise:
Ariès, P.: Geschichte der Kindheit, München 2007.
Bauer, A., Böge, K.P., Lohmann, K. et al.: Umweltmedizinisch relevante Besonderheiten bei Kindern. Schriftenreihe des Institutes für Toxikologie 38 1998, S. 52-69.
Cameron, P., Petersen, E., Zerger, C.: Endstation Mensch. Gesundheitsschäden durch eine verfehlte Chemikalienpolitik, BUND, Berlin 2006.
de Mause, L. (Hrsg.): Hört ihr die Kinder weinen. Eine psychogenetische Geschichte der Kindheit, Frankfurt am Main 1980.
Giesecke, H.: Die pädagogische Beziehung. Pädagogische Professionalität und die Emanzipation des Kindes, Weinheim-München 1997.
Heiland, H.: Friedrich Fröbel in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek bei Hamburg 1982.
Mollenhauer, K.: Vergessene Zusammenhänge. Über Kultur und Erziehung, Weinheim-München 1985.
Montessori, M.: Kinder sind anders, München 2004.
Needleman, H.L., Landrigan, P.J.: Umweltgifte. So schützen sie Ihr Kind, Stuttgart 1996.
Piaget, J.: Biology and knowledge, Chicago 1971.
Piaget, J.: Das Weltbild des Kindes, München 1988.
Rousseau, J.: Emil oder Über die Erziehung, Paderborn u.a. 2005.
Sauerbrey, Ulf: Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) durch Umweltgifte, In: Umwelt-Medizin-Gesellschaft 21 4 2008, S. 314-319. (Download)
